17. Juni 1953: Volksaufstand in der ehemaligen DDR



Erinnerungen


Umerziehung: 66.864 Stunden in Kerkerhaft

Die Geschichte des Angeklagten P.


 

von Karl-Heinz Pahling

Volksstimme vom 16./17. Juni 1990

 



Bild-Quelle: privat

 


"Denk' ich an Deutschland..." denk' ich an ein Vaterland, das seit über 40 Jahren

geteilt ist, an die Sehnsucht von fast 17 Millionen Menschen nach Beendigung der

Teilung.

 

Ich denke aber auch an die vielen Menschen, die wegen ihres Glaubens und ihrer politischen Überzeugungen verfolgt, bestraft und eingekerkert wurden. Ich denke an 40 Jahre, die wir in diesem Unrechtsstaat DDR gelebt haben und speziell daran, wie mit mir viele andere Menschen unter diesem stalinistischen Regime gelitten haben.

 

Ich denke an die Menschen, die an der Mauer hinterrücks erschossen wurden, weil sie von

Deutschland nach Deutschland wollten. Meine Schilderung ist ein Einzelschicksal, und ich weiß, daß es derer viele gibt. Unschuldige Menschen, die genau so viel und noch mehr gelitten haben. Ich schreibe diesen Bericht zur Mahnung, daß es nie wieder zugelassen wird, daß Menschen wegen ihrer politischen Überzeugung verfolgt und mundtot gemacht werden.

 

"Im Namen des Volkes..." verurteilte das Bezirksgericht Potsdam im August 1953 unter Vorsitz des Oberrichters Wohlgethan den Angeklagten Karl-Heinz Pahling nach zweimonatiger

Untersuchungshaft im Staatssicherheitsgefängnis Potsdam zu zehn Jahren Zuchthaus.

 

Begründung: Der Angeklagte P. hat als Haupträdelsführer am 17. Juni 1953 den faschistischen Putsch in den Städten Niemegk und Belzig organisiert. Nach der "Kontrollratsdirektive 38" und dem "Gesetz zum Schutz des Friedens" hat sich der Angeklagte P. in allen ihm zur Last gelegten Anklagepunkten schuldig gemacht.

 

"Am 16. Juni 1953 kursierte durch fast alle Orte der DDR die Nachricht über einen geplanten

Streik der Bauarbeiter in der Berliner Stalinallee für den nächsten Tag, und die erreichte auch

meinen damaligen Betrieb, eine Baustelle in Niemegk. Am Morgen des 17. Juni faßten wir den

Beschluß, uns mit den Bauarbeitern in Berlin solidarisch zu erklären. Unsere Baustelle sollte

ebenfalls bestreikt werden.

 

Es wurde ein Streikführer gewählt, und die Wahl fiel auf mich, den späteren Angeklagten P. Wir beschlossen, von der Baustelle aus in den Ort Niemegk zu marschieren, und am dortigen

Verwaltungsgebäude wollten wir uns mit den weiteren Arbeitsgruppen unseres Betriebes

vereinen.

 

Als alle auf dem Verwaltungsgelände versammelt waren, stellten wir ein Forderungsprogramm

auf und stimmten darüber ab. Die Hauptforderungen waren: Rücktritt der Regierung, Öffnen der Zonengrenzen, freie Wahlen für ganz Deutschland, Entlassung aller politischen Gefangenen.

 

Dann schlossen wir uns zu einem gemeinsamen Demonstrationszug durch die Stadt bis zum

Marktplatz zusammen. Und auf dem Marktplatz in Niemegk habe ich in einer Ansprache die

Bevölkerung mit unseren Forderungen bekanntgemacht. Anschließend entschlossen wir uns

spontan zu einer Demonstration bis in die Kreisstadt Belzig. Außer uns nahmen noch sehr viele Einwohner Niemegks daran teil. In Belzig wiederholte ich meine Ansprache, und auch hier erkannten die Einwohner unsere Forderungen an.

 

Wir riefen zum Streik auf, der erst beendet werden sollte, wenn die Forderungen seitens der

Regierung erfüllt sind. - Dann aber griffen die bewaffneten sowjetischen Streitkräfte massiv ein

und trieben die Demonstranten mit Waffengewalt auseinander. Beeindruckend war, daß während der gewaltsamen Auflösung alle Einwohner und Demonstranten das Deutschlandlied sangen.

 

Ich wurde am 25. Juni von Mitarbeitern des Staatssicherheitsdienstes festgenommen. Mit

verbundenen Augen wurde ich abtransportiert, so daß ich lange Zeit überhaupt nicht gewußt

habe, daß ich vier Monate im Untersuchungsgefängnis des Staatssicherheitsdienstes Potsdam (genannt "Lindenhotel") gesessen habe.

 

Zehn Jahre Zuchthaus sollten mich zu einem ordentlichen und bewußten Bürger der DDR

umerziehen!! Von diesen zehn Jahren verbüßte ich sieben Jahre und sechs Monate im Zuchthaus Brandenburg, der Rest wurde mir durch eine Amnestie erlassen.

 

Doch was waren für mich sieben Jahre und sechs Monate Zuchthaus?! Es waren vier Monate

Untersuchungshaft im Staatssicherheitsgefängnis Potsdam, ohne Rechtsbeistand, wehrlos dieser Justiz ausgeliefert. 14 Monate Einzelhaft, weil ich ein politischer Verbrecher war, 71 Monate Zwangsarbeit - es waren 398 Wochen Freiheitsberaubung, und somit war ich 66.864 Stunden eingekerkert mit Mördern und Kapitalverbrechern, die die Macht im sozialistischen Strafvollzug besaßen.

 

Es waren sieben Jahre und sechs Monate Demütigung, Kampf ums Überleben, Kampf um die

Menschenwürde und trotz allem der Glaube an die Freiheit und die Gerechtigkeit. Es waren aber auch Stunden der Freude dabei, zum Beispiel als 1956 in Ungarn das Volk aufstand und Stunden des Mitgefühls, als dieser Aufstand mit Waffengewalt niedergeschlagen wurde.

 

Am 19. November 1960 wurde ich aus der Haft entlassen. War ich nun ein freier Mann? Nein,

denn die gesamte DDR hatte sich in ein großes Gefängnis verwandelt. 17 Millionen Menschen

wurden durch Mauer und Stacheldraht von der übrigen Welt isoliert. 17 Millionen Menschen

waren dem herrschenden Regime auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

 

Auch nach 36 Jahren ist meine Überzeugung nicht gebrochen worden. Freiheit für alle Deutschen und eine Vereinigung meines Vaterlandes stehen für mich immer noch an erster Stelle. Ich bin, trotz aller erlittenen Demütigungen, nicht den Weg des geringsten Widerstandes, der in der Flucht nach Westdeutschland klar auf der Hand lag, gegangen.

Nach den Ereignissen des Jahres 1989 wurde ich im September wieder aktiv. Ich schloß mich

dem Neuen Forum an, arbeite dort in der Arbeitsgruppe "Politisches Recht" und bin seit

Dezember 1989 Mitglied der SPD.

 

Für mein weiteres Leben gilt, mit meinen bescheidenen Kräften und Möglichkeiten noch dazu

beizutragen, daß meine Kinder in einem vereinten Deutschland ihre Zukunft aufbauen können."