17. Juni 1953: Volksaufstand in der ehemaligen DDR



Erinnerungen


Karl-Heinz Pahling: Ein Leben lang für Schwächere eingesetzt

Aufruf am 17. Juni: Uchtspringer saß siebeneinhalb Jahre im Zuchtaus


 

von lgt

 

Altmark-Zeitung vom 7. April 1994

 

 



Bild-Quelle: privat

 


Sein Ziel hat Karl-Heinz Pahling erreicht: Er wollte das DDR-System überstehen und in Freiheit leben. Das versuchte er schon 1953, als er im brandenburgischen Niemegk arbeitete und im Radio von dem Streik der Bauarbeiter gehört hatte, der am 16. Juni 1953 in Berlin begann.

Die Frage, ob sich seine Kollegen mit den Streikenden solidarisch erklären sollten, war schnell beantwortet. Pahling wurde zum Streikführer. Die Forderungen: Die DDR-Regierung müsse abgesetzt, die Zonengrenze abgeschafft, die politischen Häftlinge freigelassen und freie Wahlen in Deutschland zugelassen werden.

Auf dem Niemegker Marktplatz hörten dann rund 500 Menschen diese Anliegen und die Streikenden zogen weiter zur Kreisstadt Belzig. Als die Demonstranten ihre Forderungen wieder vortrugen, versuchten Angehörige der sowjetischen Armee, die Protestierer auseinanderzutreiben, erinnert sich Pahling. "Da ja schließlich Vopos für das Volk da sein sollten, ging ich zum Rat des Kreises und bat darum, daß die Polizisten uns schützen sollten. Das wurde abgelehnt."

Der Verhaftung am gleichen Tag konnte der damals Mittzwanziger noch knapp entkommen. Doch nur wenige Tage später wurde Pahling verhaftet und ins Stasi-Gefängnis nach Potsdam gebracht. Erst im März 1954 wurden seine Angehörigen benachrichtigt, die erfuhren, daß er wegen "Boykott-Hetze", dem "Entfachen des dritten Weltkrieges" und anderer Anschuldigungen zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden war.

"Als ich damals ins Gefängnis Brandenburg-Görden eingewiesen wurde, hieß es: 'Gehst du durch dieses Tor, lasse alle Hoffnungen fahren.' Doch eben das wollte ich nicht. Ich wollte überleben und die wirkliche Freiheit erlangen." Fast 30 Jahre mußte er nach seiner Entlassung im November 1960 noch darauf warten. An den Demonstrationen 1989 in Stendal war er von Anfang an dabei.

Gleich nach der Wende gründete er dann in Stendal den Bund der Stalinistisch-Verfolgten (BSV), den er als Landesverbandsvorsitzender führt. Diese ehrenamtliche Organisation setzt sich seitdem für die Opfer des DDR-Regimes ein und hat rund 7.000 Mitglieder. Bei dem sogenannten 1. Unrechtsbereinigungsgesetz (UBG) wurde SPD-Mitglied Pahling vom damaligen Justizminister Kinkel um Mithilfe gebeten, auch beim 2. UBG, das noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet werden soll, ist sein Rat gefragt.

Sein Einsatz für Schwächere hat dem großen kräftigen Mann auch nach der Wende noch Nachteile eingebracht: Nachdem er den BSV gegründet hatte entließ, man ihn.

Karl-Heinz Pahling: "Wenn ich Nachrichten wie die von Hoyerswerda oder Rostock sehe, dann frage ich mich, ob diese Meschen solche Schandtaten als Freiheit verstehen."