17. Juni 1953: Volksaufstand in der ehemaligen DDR



Erinnerungen


Gerechtigkeit, nicht Rache

Die Geschichte des Karl-Heinz Pahling


 

von he

 

Altmark-Zeitung vom 31. Mai 1991

 

 



Bild-Quelle: privat

 


 

"Wir wollen keine Rache, sondern Gerechtigkeit." Dies sind die Worte eines Mannes, der das verbrecherische Regime der DDR anprangerte und dafür im Knast landete. Sieben Jahre saß er wegen "Hochverrat" ein: Karl-Heinz Pahling. Den Kampf gegen die Ungerechtigkeit des Staatsapparates, gegen linientreue Genossen hat er auch nach seiner Haft nie aufgegeben. 

 

Heute macht er sich stark für die Wiedergutmachung.  Der in Uchtspringe lebende Karl-Heinz Pahling ist der Vorsitzende des sachsen-anhaltinischen Landesverbandes Stalinistisch Verfolgter.


Den 17. Juni 1953 wird der 64-jährige nie vergessen. Es war der Tag, an dem er friedlich die Absetzung der Regierung forderte und dadurch in Ungnade fiel. Damals arbeitete Pahling bei der Reichsbahn-Bauunion in Niemegk im Kreis Belzig. An diesem Tag streikte sein Bauzug. Seine Kollegen und er hatten einen Forderungskatalog aufgestellt. "Weg mit den Zonengrenzen, freie Wahlen in ganz Deutschland, sofortige Freilassung sämtlicher politischer Häftlinge" riefen die Männer auf der improvisierten Kundgebung in Niemegk.

Von seiner Sache überzeugt, fuhr er einige Stunden später weiter in die Kreisstadt Belzig. Dort hielt Pahling auf einem Brückengeländer eine überschwengliche Rede, in der er die in Niemegk verkündeten Forderungen wiederholte. "Die Bürger haben mir zugestimmt, es herrschte eine fanatische Stimmung" erinnert er sich heute.

Als er fast am Ende seiner Rede angekommen war, verlangten die Russen die Auflösung der Demonstration, zu der sich inzwischen 20.000 Menschen versammelt hatten. Doch Pahling ließ sich nicht beirren. "Ihr habt nichts zu sagen, es ist unsere Kundgebung" entgegnete er den Militärs. Selbstbewußt sangen die "Aufständischen" sogar das Deutschlandlied. Da merkte Pahling, daß die Soldaten ihn schnappen wollten. Ihm gelang es jedoch, aus dem Pulk zu verschwinden und dann mit dem Auto zurück nach Niemegk zu fahren. Von Niemegk fuhr der ungestüme Wortführer mit dem Fahrrad nach Lutherstadt Wittenberg, um bei einem Onkel unterzuschlüpfen.

Seine damalige Freundin folgte ihm und sagte, daß in Niemegk und Belzig alles wieder ruhig ist. So fuhr Karl-Heinz Pahling beruhigt nach Hause. Einige Tage später, am 25. Juni 1953, um 11 Uhr, folgte die böse Überraschung. Er wurde von den Staatsdienern in Zivil abgeholt. Ihm wurden die Augen verbunden und Handschellen angelegt. Man warf ihn in einen stark gesicherten Keller.

Am darauffolgenden Tag fand sich der Eisenbahnbauer nach einer längeren Autofahrt in einer Zelle wieder. Nach einer Nacht dort landete er im Staatssicherheitsgefängnis an der Lindenstraße in Potsdam. Über vier Monate kauerte er in einer öden Einzelzelle. Es gab keine Waschmöglichkeiten, Pahling stank von Tag zu Tag mehr. Der Sträfling wußte zudem gar nicht, in welcher Stadt er einsitzt. Dies erfuhr er erst am Abend vor der Verhandlung, als er die Anklageschrift in die Finger bekam.

"Boykotthetze, Hochverrat, Anstachelung zum dritten Weltkrieg" lautete die Anklage. Mit Pahling wurde buchstäblich kurzer Prozeß gemacht: Im Schnellverfahren verurteilte man ihn zu 10 Jahren "Kittchen". Er kam ins Zuchthaus Brandenburg. Ein dreiviertel Jahr lebte er in Einzelhaft, danach wurden die Haftbedingungen etwas erträglicher. 1960 wurde er aufgrund einer Amnestie auf freien Fuß gesetzt.

Auch Karl-Heinz Pahling, der sich nie einer Schuld bewußt war, hat Erfahrungen mit sogenannten Seilschaften gemacht. So begann er 1977 beim ehemaligen VEB Düngestoffe in Volgfelde. Weil er nicht auf der Parteilinie mitschwamm, hatte er einen schweren Stand. Im letzten Jahr, als sich die alte VEB-Leitung durch die Umwandlung des Betriebes in eine GmbH in die verhaßte Marktwirtschaft rettete, wurde er rausgeschmissen. Eine Abfindung bekam er nicht. Zwar versuchte der gebürtige Vinzelberger, gegen ddie Praktiken seiner alten Arbeitgeber auf juristischem Weg vorzugehen, das Unrecht aber, das wie er viele Menschen in der ehemaligen DDR ertragen mußten, ist nicht mit Geld wiedergutzumachen.