17. Juni 1953:

Volksaufstand in der ehemaligen DDR


Der Aufstand im Fläming 

Ausstellung "Freiheit wollen wir" erinnert an den 17. Juni 1953


 

von Rene Gaffron

 

Märkische Allgemeine vom 20.06.2005 

 



Bild: Bahnhof Niemegk am 17.06.1953
Bild-Quelle: 
Ciesla, Burghard: Freiheit wollen wir.

Der 17. Juni in Brandenburg. Potsdam 2003.

 


BELZIG. Zu einer Zuchthausstrafe von zehn Jahren war Karl-Heinz Pahling verurteilt worden. Doch die SED-Funktionäre fürchteten ihn noch, als er in Brandenburg/Havel hinter Gittern gesessen hat. Jedes Jahr im Juni ist er deshalb in Isolationshaft genommen worden. 26-jährig hatte er, den sie alle Tom Brack genannt haben, am 17. Juni 1953 den Protestzug der Kollegen der Reichsbahn-Bau-Union vom Niemegker Bahnhof in die Kur- und Kreisstadt angeführt.

 

Ehefrau Karin, die ihn nach der Entlassung aus dem Gefängnis geheiratet hat, schüttelte immer wieder voller Unverständnis den Kopf. Die Witwe war am Freitag - 52 Jahre nach den historischen Geschehnissen - bei der Eröffnung der Wanderausstellung "Freiheit wollen wir" zu Gast.

 

Die Außenstelle Potsdam der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes sowie die Friedrich-Naumann-Stiftung haben die Exposition über das damalige Geschehen im Land Brandenburg zusammengetragen. Sie ist im einstigen Grundbuchamt auf der Burg Eisenhardt zu sehen. "Sie soll nicht zuletzt die Legende ausräumen, der Arbeiteraufstand sei ein auf Berlin beschränktes Ereignis gewesen", sagt Gisela Rüdiger, Leiterin der Marianne-Birthler-Behörde in Potsdam. Tatsächlich war der Fläming, jetzt vierte Station der Dokumentation, ein Brennpunkt.

Haftentlassung ihrer wegen politischer Vergehen verurteilten Arbeitskollegen, Herabsetzung der Normen, Abschaffung des Spitzelsystems und freie Wahlen, lauteten die Forderungen der Bauarbeiter, die den Eisenbahn-Außenring um Berlin herrichten sollten. Ihr Anliegen ist schließlich von Bauern und Bevölkerung der Umgebung, bei denen sich die Nachricht von der Demonstration wie ein Lauffeuer verbreitet hatte, unterstützt worden. Der kürzlich verstorbene Heinz Marthe hatte als damals 19-Jähriger beispielsweise in Niemegk per Glockensignal die Leute aufgefordert, mitzukommen. Er ist deswegen zu neunmonatiger Haft verurteilt worden.

"Obwohl wir uns lange Zeit kannten, hat er darüber eigentlich nicht wirklich geredet", sinnierte der Belziger Bürgermeister Peter Kiep (SPD) schließlich. Historiker und Ex-Minister Hinrich Enderlein (FDP) hatte nicht von ungefähr in seiner Ansprache darauf verwiesen, dass "eine intakte Erinnerung die Grundlage für die politische Kultur" sei. Max Kahmann jedenfalls hatte sofort alles präsent: Ein Jeep mit Soldaten der sowjetischen Streitkräfte, die in die Luft geschossen haben, hat die Menge an der Wiesenburger Brücke in Schach gehalten, während eine Abordnung - letztlich erfolglos - beim Rat des Kreises Belzig vorstellig geworden war. Er selbst war unmittelbar nach dem Unterricht in der Berufsschule, wo sich jetzt die Ausstellung befindet, in die Altstadt geeilt.

Heinz Marthe hat seine Erinnerungen doch noch auf Band gesprochen. Die Aufnahme ist - neben Rias-Reportagen und Kommentaren von Karl-Eduard von Schnitzler - ein bewegendes Tondokument, das es anzuhören gilt. Dazu gibt es - neben der Erläuterung der Krise in der sowjetischen Besatzungszone acht Jahre nach Kriegsende - lokale Bilder aus einem Stasi-Archiv. Sie sind dem Vernehmen nach seinerzeit einem Tischler weggenommen worden. Ein Modell zeigt schließlich, bis in welche Häuser sich das Ministerium für Staatssicherheit in Belzig ausgebreitet hatte. Kopfschütteln ist bei der Betrachtung eine durchaus übliche Reaktion. Ausstellung "Freiheit wollen wir" bis 31. Juli, mittwochs bis sonntags von 10 bis 17 Uhr auf der Burg Eisenhardt Belzig. Vortrag über Arbeit der Potsdamer Außenstelle der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssciherheitsdienstes am Mittwoch, 18 Uhr, Burg Eisenhardt, Belzig.