17. Juni 1953: Volksaufstand in der ehemaligen DDR



Erinnerungen


Hartnäckig im Kampf gegen alles Unrechte

Ex-Häftling Nr. 101 auf der Suche nach Verschleppten


 

Autor unbekannt

 

Altmark-Zeitung vom 30.01.1994

 

 



Bild: Kopie des Artikels in der Altmark-Zeitung
Bild-Quelle: privat

 


Welchen Wert das Leben hat, kann wohl kaum jemand so gut einschätzen wie Karl-Heinz Pahling. Die vielen Jahre im Brandenburger Zuchthaus haben den 67jährigen zu jemanden werden lassen, der hartnäckig gegen alles Unrechte kämpft.

Uchtspringe. Er ringt nicht mit großen Sprüchen um Aufmerksamkeit. Er ist auch nicht unsachlich oder von Bitterkeit zerfressen. Karl-Heinz Pahling ist ein Mensch, der nicht heuchelt. Im Brandenburger Zuchthaus hatte er genug Zeit, sich mit den Werten des Lebens zu befassen. Liebe, Frau, Familie - diese doch selbstverständlichen Dinge sind für den 67jährigen Uchtspringer eine kleine Kostbarkeit.

Wie andere ihre Schätze hüten, bewahrt der ehemalige Polithäftling Nr. 101 sein Verständnis vom Sinn des Lebens. Als der damals 26jährige Karl-Heinz Pahling am 17. Juni 1953 in Mageburg (1) auf der Straße seinen Willen zur Freiheit bekundet hat, wußte er sehr gut, warum er sich - wie viele andere in der sowjetischen Besatzungszone auch - gegen die Gewaltherrschaft der Kommunisten wehrte. Dieser lautlose Hilfeschrei brachte ihm acht Jahre in einer Zelle ein, die keinen Blick auf das Licht der Sonne gewährte.

Diese Zeit hat Karl-Heinz Pahling hart und doch weich gemacht. Hart, weil er mit erhobenem Haupt sagt, was er denkt. Auch, wenn das unbequem ist. Dennoch ist der Uchtspringer sensibel für das, was man Gefühl und Moral nennt.

Er wußte auch in der unfreien DDR, daß er irgenwann wieder frei sein wird. Mit dem Fall der Mauer ging seine Prophezeiung in Erfüllung. Und seither engagiert sich der 67jährige für ein friedliches Zusammenleben mit allen Menschen - und für die Aufarbeitung einer Vergangenheit, wie sie wohl kaum jemand gedanklich nachvollziehen kann. Weil er weiß, daß noch immer Kinder und Enkel von Gefangenen auf der Suche nach Eltern und Großeltern sind, will Pahling helfen. Insbesondere geht es ihm um die 183 Gefangenen, darunter 62 Frauen, die zwischen 1945 und 1948 im Stendaler Gefängnis gesessen haben. Pahling vermutet, daß ein Teil in Konzentrationslager nach Sachsenhausen oder Mühlheim verschleppt worden ist.

 


Anmerkung: Karl-Heinz Pahling hat nicht in Magdeburg, sondern in Niemegk und Belzig am Volksaufstand vom 17. Juni 1953 teilgenommen.